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Schloß Rheinsberg
Texte und Fotos: Martin Schlu ab 2007, Stand: 26. August 2026

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Nach Rheinsberg kommt man heute schon ein bißchen besser als zu Fontanes Zeiten. Von der Küste aus folgt man der A 20 oder A19 Richtung Berlin von da geht es über die A 24 Ausfahrt Wittstock über die B166  (Bechliner Chaussee) Richtung Neu- und Altruppin und hinter Alt-Ruppin auf die B 122 nach Norden Richtung Rheinsberg.

Schloß Rheinsberg von der Seite her
Schloß Rheinsberg (Seitenansicht)

Fontane schreibt über Rheinsberg:
Rheinsberg von Berlin aus zu erreichen ist nicht leicht. Die Eisenbahn zieht sich auf sechs Meilen Entfernung daran vorüber, und nur eine geschickt zu benutzende Verbindung von Hauderer (selbstständiger Kutscher, ähnlich einem Uber mit Pferden) und Fahrpost (ÖPNV früher)  führt schließlich an das ersehnte Ziel. Dies mag es erklären, warum ein Punkt ziemlich unbesucht bleibt, dessen Naturschönheiten nicht verächtlich und dessen historische Erinnerungen ersten Ranges sind.

Wir haben es besser, kommen von dem nur drei Meilen entfernten Ruppin und lassen uns durch die Sandwüste nicht beirren, die, zunächst wenigstens, hügelig und dünenartig vor uns liegt. Fragt man nach dem Namen dieser Hügelzüge, so vernimmt man immer wieder »die Kahlenberge«. Nur dann und wann wird ein Dorf sichtbar, dessen ärmliche Strohdächer von einem spitzen Schindelturm überragt werden. Mitunter fehlt auch dieser. Einzelne dieser Ortschaften (zum Beispiel Braunsberg) sind von französischen Kolonisten bewohnt, die berufen waren, ihre Loire-Heimat an dieser Stelle zu vergessen. Harte Aufgabe. Als wir ebengenanntes Braunsberg passierten, lugten wir aus dem Wagen heraus, um »französische Köpfe zu studieren«, auf die wir gerechnet. »Wie heißt der Schulze hier?« fragten wir in halber Verlegenheit, weil wir nicht recht wußten, in welcher Sprache wir sprechen sollten. »Borchardt.« Und nun waren wir beruhigt. Auch die Südlichen-Race-Gesichter sahen nicht anders aus als die deutsch-wendische Mischung, die sonst hier heimisch ist. Übrigens kommen in diesen Dörfern wirklich noch französische Namen vor, und »unser Niquet« zum Beispiel ist ein Braunsberger.

Die Wege, die man passiert, sind im großen und ganzen so gut, wie Sandwege sein können. Nur an manchen Stellen, wo die Feldsteine wie eine Aussaat über den Weg gestreut liegen, schüttelt man bedenklich den Kopf in Erinnerung an eine bekannte Cahinetsordre, darin Friedrich der Große mit Rücksicht auf diesen Weg und im Ärger über 195 Taler, 22 Groschen, 8 Pfennig zu zahlende Reparaturkosten ablehnend schrieb: »Die Reparation war nicht nöthig. Ich kenne den Weg, und muß mir die Kriegs-Camer vohr ein großes Beest halten, um mir mit solches ungereimtes Zeug bei der Nahse kriegen zu wollen.« Der König hatte aber doch unrecht, »trotzdem er den Weg kannte«. Erst auf dem letzten Drittel wird es besser; im Trabe nähern wir uns einem hinter reichem Laubholz versteckten, immer noch rätselhaften Etwas und fahren endlich, zwischen Parkanlagen links und einer Sägemühle rechts, in die Stadt Rheinsberg hinein.

Quelle: Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg - Kapitel 51
zit. nach http://gutenberg.spiegel.de/buch/wanderungen-durch-die-mark-brandenburg-4452/51 am 6. August 2016


Das Schloß selber liegt auf einer Art Insel. Wenn man schon mal da ist, sollte man sich das Tucholsky-Museum nicht entgehen lassen, der ja zu Schloß Rheinsberg einen direkten Bezug hatte: 
Das Schloß! – Das Schloß mußte besichtigt werden. Man schritt hallend in den Hof und zog an einer Messingstange mit weißem Porzellangriff. Eine kleine Glocke schepperte. Ein Fenster klappte: »Gleich!« – Eine Tür oberhalb der kleinen Stiege öffnete sich, und es kam nichts, und dann tappte es, und dann schob sich der massige Kastellan in den Hof. Als er der Herrschaften ansichtig wurde, tat er etwas Überraschendes. Er stellte sich vor. »Mein Name ist Herr Adler. Ich bin hier der Kastellan.« Man dankte geehrt und präsentierte sich als Ehepaar Gambetta aus Lindenau. Historische Erinnerungen schienen den dicken Mann zu bewegen, seine Lippen zuckten, aber er schwieg. Dann:
»Nu kommen Sie man hier hinten rum, – da ist es am nächsten.« – Und schloß eine bohlene Tür auf, die in einen dunklen Steinaufgang hineinführte. Sie kletterten eine steile Treppe mühsam herauf. Oben, in einem ehemaligen Vorzimmer, lagen braune Filzschuhe auf dem Boden, verstreut, in allen Größen für Groß und Klein, zwanzig, dreißig – man mochte an irgendein Märchen denken, vielleicht hatte sie eine Fee hierher verschüttet, oder ein Wunschtopf hatte wieder einmal versagt und war übergelaufen…

Die Claire behauptete: So kleine gäbe es gar nicht. –
»Ih«, sagte Herr Adler, »immer da rein; wenn sie auch ein bißchen kippeln, das tut nichts.«
Er aber war nicht genötigt, solche Schuhe anzuziehen, weil er von Natur Filzpantoffeln trug.

Die Zimmer, durch die er sie führte, waren karg und enthaltsam eingerichtet. Steif und ausgerichtet standen Stühle an den Wänden aufgebaut. Es fehlte jene leise Unregelmäßigkeit, die einen Raum erst wohnlich erscheinen läßt, hier stand alles in rechtem Winkel zueinander… Herr Adler erklärte:
»… und düs hier sei das sogenannte Prinzenzimmer, und in diesem Korbe habe das Windspiel geschlafen. Das Windspiel – man wisse doch hoffentlich…

»Zu denken, Claire, daß auch durch deine Räume einst Liebende der Führer mit beredtem Munde leitet«.
»Gott sei Dank! Konnt er ja! Bei uns war es pikfein.«
Und dann sagte Herr Adler, dies seien chinesische Vasen, und dieselben hätte der junge Graf Schleuben von seiner Asienreise mitgebracht.

Aber hier – man trat in ein anderes höheres Zimmer – hier sei der Gemäldesaal. Die Bilder habe der berühmte Kunstmaler Pesne gemalen, und die Bilder seien so vorzüglich gemalen, daß sie den geehrten Besucher überall hin mit den Augen folgten. Man solle nur einmal die Probe machen! Herr Adler gab diese Fakten stückweis, wie ein Geheimnis, preis. Es war, als wundere er sich immer, daß seine Worte auf die Besucher keine größere Wirkung machten. – Herrgott, die Claire! – Sie begann den Kastellan zu fragen. Wolfgang wollte sie hindern, aber es war schon zu spät. –
»Sagen Sie mal, Herr Adler, woher wissen Sie denn das alles, das mit dem Schloß und so?«
Herr Adler leitete sein Wissen von seinem Vorgänger, dem Herrn Breitriese, her, der es seinerseits wieder von dem damaligen Archivar Brackrock habe. –

»Und dann, was ich noch fragen wollte, Herr Adler, hat es hier wohl früher ein Badezimmer gegeben?«
»Nein, aber wir haben eins unten, wenn es Sie interessiert…«

Sie dankten. Herr Adler, der noch zum Schluß auf eine Miniatur, ein Geschenk der Großfürstin Sofie von Rußland, hingewiesen hatte, verfiel plötzlich in abruptes Schweigen. Und erst nachdem das Trinkgeld in seiner Hand klingelte, blickte er zum Fenster hinaus und sagte, ein wenig geistesabwesend: »Dies ist ein ehrwürdiges Schloß. Sie werden die Erinnerung daran Ihr ganzes Leben bewahren. Im Garten ist auch noch die Sonnenuhr sehenswert.«
Kurt Tucholsky: Rheinsberg - Kapitel 3, Berlin 1912
zit. nach http://gutenberg.spiegel.de/buch/rheinsberg-1189/3 am 7. August 2016

Wenn es geht, sollte man eine Führung machen. Heutige Führungen sind zum Glück ein bißchen fundierter als die bei Tucholsky erwähnte und sie bringen immer ein bißchen historischen Hintergrund ins Spiel. Bei Schloß Rheinsberg sind es natürlich der Kronprinz Friedrich (später der Alte Fritz, Friedrich II.) und Prinz Heinrich (der mit der Mütze, die Helmut Schmidt so liebte). Prinz Heinrich hatte zeitlebens zwar weniger zu sagen als sein berühmter Bruder, aber er hat nach Aussagen Friedrichs militärisch nie Fehler gemacht, weil er strategisch eher auf Sicherheit als auf Eroberung plante. Militärisch endete seine Laufbahn 1762 nach dem Sieg bei Freiberg (Ende des sächsichen Kriegs).

Nach dem Ende des Schlesischen Kriegs versammelte Heinrich die Kritiker Friedrichs im Schloß um sich und hielt sie politisch unter Kontrolle, damit die Herrschaft des Bruders nicht gefährdet wurde. Nach dem Tod Friedrichs II. 1786 hatte Heinrich noch jahrelang etwas Einfluß auf seinen Neffen, Friedrich III. , und wurde eine Art Berater am Hof - auch wenn der neue König beratungsresistent war. Theodor Fontane weiß in seinen Wanderungen bereits zu berichten, daß Prinz Heinrich kurz nach seinem Tode bereits vergessen war und kaum jemand über ihn Bescheid wußte. Dabei war Prinz Heinrich vermutlich der Intelligentere der beiden Brüder. Er liegt - dies ist zumindest standesgemäß - unter einer Pyramide im Schloßpark begraben.

Rheinsberg von der Seeseite her
Schloß Rheinsberg von der Seeseite her

Links zum Schloß Rheinsberg, dem Alten Fritz und zu Kurt Tucholsky
https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Rheinsberg
http://verwaltung.rheinsberg.de/de/tucholsky-museum.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_II._(Preu%C3%9Fen)
https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_von_Preu%C3%9Fen_(1726%E2%80%931802)
https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Wilhelm_III._(Preu%C3%9Fen)

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