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- Nach Rheinsberg kommt man heute schon ein bißchen besser als zu Fontanes Zeiten. Von der Küste aus folgt man der A 20 oder A19 Richtung Berlin von da geht es über
die A 24 Ausfahrt Wittstock über die B166 (Bechliner Chaussee)
Richtung Neu- und Altruppin und hinter Alt-Ruppin auf die B 122 nach
Norden Richtung Rheinsberg.

- Schloß Rheinsberg (Seitenansicht)
- Fontane schreibt über Rheinsberg:
- Rheinsberg
von Berlin aus zu erreichen ist nicht leicht. Die Eisenbahn zieht sich
auf sechs Meilen Entfernung daran vorüber, und nur eine geschickt zu
benutzende Verbindung von Hauderer (selbstständiger Kutscher, ähnlich einem Uber mit Pferden) und Fahrpost (ÖPNV früher) führt schließlich an
das ersehnte Ziel. Dies mag es erklären, warum ein Punkt ziemlich
unbesucht bleibt, dessen Naturschönheiten nicht verächtlich und dessen
historische Erinnerungen ersten Ranges sind.
Wir haben es besser, kommen von dem nur drei Meilen entfernten Ruppin
und lassen uns durch die Sandwüste nicht beirren, die, zunächst
wenigstens, hügelig und dünenartig vor uns liegt. Fragt man nach dem
Namen dieser Hügelzüge, so vernimmt man immer wieder »die Kahlenberge«.
Nur dann und wann wird ein Dorf sichtbar, dessen ärmliche Strohdächer
von einem spitzen Schindelturm überragt werden. Mitunter fehlt auch
dieser. Einzelne dieser Ortschaften (zum Beispiel Braunsberg) sind von
französischen Kolonisten bewohnt, die berufen waren, ihre Loire-Heimat
an dieser Stelle zu vergessen. Harte Aufgabe. Als wir ebengenanntes
Braunsberg passierten, lugten wir aus dem Wagen heraus, um
»französische Köpfe zu studieren«, auf die wir gerechnet. »Wie heißt
der Schulze hier?« fragten wir in halber Verlegenheit, weil wir nicht
recht wußten, in welcher Sprache wir sprechen sollten. »Borchardt.« Und
nun waren wir beruhigt. Auch die Südlichen-Race-Gesichter sahen nicht
anders aus als die deutsch-wendische Mischung, die sonst hier heimisch
ist. Übrigens kommen in diesen Dörfern wirklich noch französische Namen
vor, und »unser Niquet« zum Beispiel ist ein Braunsberger.
Die Wege, die man passiert, sind im großen und ganzen so gut, wie
Sandwege sein können. Nur an manchen Stellen, wo die Feldsteine wie
eine Aussaat über den Weg gestreut liegen, schüttelt man bedenklich den
Kopf in Erinnerung an eine bekannte Cahinetsordre, darin Friedrich der
Große mit Rücksicht auf diesen Weg und im Ärger über 195 Taler, 22
Groschen, 8 Pfennig zu zahlende Reparaturkosten ablehnend schrieb: »Die
Reparation war nicht nöthig. Ich kenne den Weg, und muß mir die
Kriegs-Camer vohr ein großes Beest halten, um mir mit solches
ungereimtes Zeug bei der Nahse kriegen zu wollen.« Der König hatte aber
doch unrecht, »trotzdem er den Weg kannte«. Erst auf dem letzten
Drittel wird es besser; im Trabe nähern wir uns einem hinter reichem
Laubholz versteckten, immer noch rätselhaften Etwas und fahren endlich,
zwischen Parkanlagen links und einer Sägemühle rechts, in die Stadt
Rheinsberg hinein.
Quelle: Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg - Kapitel 51
zit. nach http://gutenberg.spiegel.de/buch/wanderungen-durch-die-mark-brandenburg-4452/51 am 6. August 2016
- Das Schloß selber liegt auf einer Art
Insel. Wenn man schon mal da ist, sollte man sich das Tucholsky-Museum
nicht entgehen lassen, der ja zu Schloß Rheinsberg einen direkten Bezug
hatte:
- Das
Schloß! – Das Schloß mußte besichtigt werden. Man schritt hallend in
den Hof und zog an einer Messingstange mit weißem Porzellangriff. Eine
kleine Glocke schepperte. Ein Fenster klappte: »Gleich!« – Eine Tür
oberhalb der kleinen Stiege öffnete sich, und es kam nichts, und dann
tappte es, und dann schob sich der massige Kastellan in den Hof. Als er
der Herrschaften ansichtig wurde, tat er etwas Überraschendes. Er
stellte sich vor. »Mein Name ist Herr Adler. Ich bin hier der
Kastellan.« Man dankte geehrt und präsentierte sich als Ehepaar
Gambetta aus Lindenau. Historische Erinnerungen schienen den dicken
Mann zu bewegen, seine Lippen zuckten, aber er schwieg. Dann:
»Nu
kommen Sie man hier hinten rum, – da ist es am nächsten.« – Und schloß
eine bohlene Tür auf, die in einen dunklen Steinaufgang hineinführte.
Sie kletterten eine steile Treppe mühsam herauf. Oben, in einem
ehemaligen Vorzimmer, lagen braune Filzschuhe auf dem Boden, verstreut,
in allen Größen für Groß und Klein, zwanzig, dreißig – man mochte an
irgendein Märchen denken, vielleicht hatte sie eine Fee hierher
verschüttet, oder ein Wunschtopf hatte wieder einmal versagt und war
übergelaufen…
Die Claire behauptete: So kleine gäbe es gar nicht. –
»Ih«, sagte Herr Adler, »immer da rein; wenn sie auch ein bißchen kippeln, das tut nichts.«
Er aber war nicht genötigt, solche Schuhe anzuziehen, weil er von Natur Filzpantoffeln trug.
Die
Zimmer, durch die er sie führte, waren karg und enthaltsam
eingerichtet. Steif und ausgerichtet standen Stühle an den Wänden
aufgebaut. Es fehlte jene leise Unregelmäßigkeit, die einen Raum erst
wohnlich erscheinen läßt, hier stand alles in rechtem Winkel
zueinander… Herr Adler erklärte:
»…
und düs hier sei das sogenannte Prinzenzimmer, und in diesem Korbe habe
das Windspiel geschlafen. Das Windspiel – man wisse doch hoffentlich…
»Zu denken, Claire, daß auch durch deine Räume einst Liebende der Führer mit beredtem Munde leitet«.
»Gott sei Dank! Konnt er ja! Bei uns war es pikfein.«
Und
dann sagte Herr Adler, dies seien chinesische Vasen, und dieselben
hätte der junge Graf Schleuben von seiner Asienreise mitgebracht.
Aber
hier – man trat in ein anderes höheres Zimmer – hier sei der
Gemäldesaal. Die Bilder habe der berühmte Kunstmaler Pesne gemalen, und
die Bilder seien so vorzüglich gemalen, daß sie den geehrten Besucher
überall hin mit den Augen folgten. Man solle nur einmal die Probe
machen! Herr Adler gab diese Fakten stückweis, wie ein Geheimnis,
preis. Es war, als wundere er sich immer, daß seine Worte auf die
Besucher keine größere Wirkung machten. – Herrgott, die Claire! – Sie
begann den Kastellan zu fragen. Wolfgang wollte sie hindern, aber es
war schon zu spät. –
»Sagen Sie mal, Herr Adler, woher wissen Sie denn das alles, das mit dem Schloß und so?«
Herr
Adler leitete sein Wissen von seinem Vorgänger, dem Herrn Breitriese,
her, der es seinerseits wieder von dem damaligen Archivar Brackrock
habe. –
»Und dann, was ich noch fragen wollte, Herr Adler, hat es hier wohl früher ein Badezimmer gegeben?«
»Nein, aber wir haben eins unten, wenn es Sie interessiert…«
Sie
dankten. Herr Adler, der noch zum Schluß auf eine Miniatur, ein
Geschenk der Großfürstin Sofie von Rußland, hingewiesen hatte, verfiel
plötzlich in abruptes Schweigen. Und erst nachdem das Trinkgeld in
seiner Hand klingelte, blickte er zum Fenster hinaus und sagte, ein
wenig geistesabwesend: »Dies ist ein ehrwürdiges Schloß. Sie werden die
Erinnerung daran Ihr ganzes Leben bewahren. Im Garten ist auch noch die
Sonnenuhr sehenswert.«
Kurt Tucholsky: Rheinsberg - Kapitel 3, Berlin 1912
zit. nach http://gutenberg.spiegel.de/buch/rheinsberg-1189/3 am 7. August 2016
- Wenn
es geht, sollte man eine Führung machen. Heutige Führungen sind zum
Glück ein bißchen fundierter als die bei Tucholsky erwähnte und sie
bringen immer ein bißchen historischen Hintergrund ins Spiel. Bei
Schloß Rheinsberg sind es natürlich der Kronprinz Friedrich (später der
Alte Fritz,
Friedrich II.) und Prinz Heinrich (der mit der Mütze, die Helmut
Schmidt so liebte). Prinz Heinrich hatte zeitlebens zwar weniger zu
sagen als sein berühmter Bruder, aber er hat nach Aussagen Friedrichs
militärisch nie Fehler gemacht, weil er strategisch eher auf Sicherheit
als auf Eroberung plante. Militärisch endete seine Laufbahn 1762 nach
dem Sieg bei Freiberg (Ende des sächsichen Kriegs).
- Nach
dem Ende des Schlesischen Kriegs versammelte Heinrich die Kritiker
Friedrichs im Schloß um sich und hielt sie politisch unter Kontrolle,
damit die Herrschaft des Bruders nicht gefährdet wurde. Nach dem Tod
Friedrichs II. 1786 hatte Heinrich noch jahrelang etwas Einfluß auf
seinen Neffen, Friedrich III. , und wurde eine Art Berater am Hof -
auch wenn der neue König beratungsresistent war. Theodor Fontane weiß
in seinen Wanderungen bereits zu berichten, daß Prinz Heinrich
kurz nach seinem Tode bereits vergessen war und kaum jemand über ihn
Bescheid wußte. Dabei war Prinz Heinrich vermutlich der Intelligentere
der beiden Brüder. Er liegt - dies ist zumindest standesgemäß - unter einer
Pyramide im Schloßpark begraben.

Schloß Rheinsberg von der Seeseite her
- Links zum Schloß Rheinsberg, dem Alten Fritz und zu Kurt Tucholsky
- https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Rheinsberg
- http://verwaltung.rheinsberg.de/de/tucholsky-museum.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_II._(Preu%C3%9Fen) - https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_von_Preu%C3%9Fen_(1726%E2%80%931802)
https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Wilhelm_III._(Preu%C3%9Fen)
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