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Die
höchsten Klippen Europas gibt es an der Normandie, die schönsten liegen in
Étretat, ein Motiv, das Claude Monet -und viele andere Maler zig Male gemalt haben und das
heute jedes Jahr Millionen von Touristen anzieht. Der Strand ist eine halbrunde
Bucht, die von beiden Seiten von bis über hundert Metern hohen Klippen
eingezäunt ist. Der Kiesstrand besteht aus den rund geschliffenen
ehemaligen Abbruchstücken, denn weil die Klippe aus Kreide besteht,
kommt es - wie bei den Kreidesfelsen in Rügen oder am dänische Hanklit
- immer wieder zu Abbrüchen. Aus diesem Grund sollte man nicht
unterhalb der Klippen spazieren gehen und Steine mitzunehmen ist streng
verboten - sie dienen dem Küstenschutz.
![]() Die westlichen Klippen von Étretat am Mittag. Zum Bild von Monet kommt man durch eine Klick ins Bild (Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9f/Monet_-_Sonnenaufgang_bei_Etretat.jpg) Étretat hat als Fischerdorf angefangen und um 1786 beauftragen die hier seit 1777 tätigen Austernzüchter den Maler Alexandre Jean Noel (1752-1834) mit einem Bild, das für die Stadt und den Austernverkauf werben soll. Dies funktioniert ganz leidlich, doch es kurbelt den Austernverkauf nur mäßig an und Tourismus ist für die Fischer noch lange ein Fremdwort. Das ändert sich erst fünfzig Jahre später. Zuerst verbringt der Maler Eugéne Le Poittevin (1806-1870) ab 1831 seine Sommer in dem Ort. Später läßt er sich seine Villa mit Meerblick bauen und malt das Meer, die Klippen und die - noch spärlich eintreffenden - wenigen Besucher. 1835 verbringt Victo Hugo, der französische Nationalschriftsteller, einen Sommer dort und schreibt und zeichnet darüber. 1836 malt der deutsche Landschaftsmaler Johann Wilhelm Schirmer eine Reihe von fast fotorealistischen Ansichten der Felsformationen und der Wellen und zwei Jahre später (1938) schreibt der deutsche Schriftsteller Jakob Venedey ebenfalls über diesen Strandabschnitt. ![]() Johann Wilhelm Schirmer: Meeresstudie bei Ètretat, Staatliche Kinsthalle Karlsruhe (ausgestellt 2026 im Städel-Museum, Frankfurt, Foto: SCS) Die ersten Touristen werden nun aufmerksam, weil Baden im Meer ein Trend in der besseren Gesellschaft geworden ist - parallel zu den deutschen Entwicklngen in Heiligendamm, Klütz und Usedom. Der Ort wird ein Badeort, die Fischer werden Badegehilfen, erste Hotels entstehen und viele Fischersfrauen putzen und waschen nun für die aus Paris kommenden Touristen. Deren Anreise ist noch mühsam, weil erst 1852 die Straße von Le Havre zum Ort fertig ist, aber dann geht es ratzfatz. Um 1850 malt Le Poittevin die Szene, die fast karikaturesk das Zusammenspiel der Fischer (nun Badegehilfen in roten Hemden) mit den badewilligen Touristen beschreibt und der Mann, der vom improviserten Sprungbrett startet, soll der Schriftstelle Guy de Maupassant sein, der seine Jugend in in Ètretat verbracht hatte. ![]() Eugéne Le Poittevin, Baden in Ètretat, 1966, Musée des Beax-Arts et d'Archéologie, Troyes Nun geht es Schlag auf Schlag. Nachdem die Straße fertig ist, kann man den Strand von Paris aus in zwei Tagen mit der Kutsche erreichen und als die Bahnlinie fertig ist, sind es sogar nur noch vier Stunden. Massenhaft kommen nun zwei Gruppen: Badegäste und Künstler. Ebenso entstehen Tennisplätze, noch mehr Hotels und die paar Fischer, die es noch gibt, streiten sich mit dem Tourismus um ihre paar Meter Strand, wo sie noch ihre Boote hinziehen dürfen. Zu
den sonderbarsten Dingen dort gehört wohl die Anzahl von Malern, die
vormittags am Strand ihre Pinsel am Meer und den Felsen erproben. Wenn
man am Kieselstrand entlanggeht, trifft man auf zehn, fünfzehn,
zwanzig, fünfzig solcher Künstler, die sich verpflichtet fühlen, das
klassische Étretat zu malen. Amerikaner, Engländer, Strickwarenhändler,
Schüler in Ferien, Schwiegersöhne und Schwiegermütter, alle Welt malt
in Étretat.“
Cadillac, in: „Chronique des plages. Étretat“, in: Le Gaulois, 21.8.1885, zit. nach Städel Museum, Wandinschrift der Ausstellung „Montes Küste“, 2026. Der berühmteste Maler in Ètretat ist Gustave Courbet, der 1869 einen Sommer hier verbringt und eine Serie von Meeres- und Felsenbildern schafft. Hier lernt er den jungen Claude Monet kennen, der seit einem Jahr regelmäßig nach Ètretat kommt, aber bisher noch nicht recht bekannt ist. Courbet hingegen hat einen hervorragenden Ruf als Maler von Wellen und Meeresstimmungen und Monet versucht ihn zu übertreffen - wenn er auch noch nicht weiß, wie. Er mietet sich die nächsten Jahre in Ètretat ein und erhält dort Aufträge eines regelmäßigen Gönners, so daß er davon leben kann. Zwischen 1864 und 1888 malt Monet ca. achtzig Bilder und macht Ètretat damit noch bekannter, als es sowieso schon ist. Der größte Teil dieser Bilder enststeht zwischen 1883 und 1886, als Monet den ganzen Sommer dort wohnt - mit Meerblick auf die Felsen. 1883 wird auch die Autobiographie „Ma vie“ (mein Leben) von Maupassants veröffentlicht, in der ausgiebig über Ètretat berichtet wird. Im gleichen Jahr baut Maupassants sich dort ein Haus, in dem er viel Zeit verbrachte. Einen kleinen Rückgang gibt es um die Jahrhundertwende, als sich der Malstil zum Expressionismus ändert. Maler wie Henri Matisse zeigen einen neuen Ansatz. Der Schriftsteller Maurice Leblanc schreibt mit der Figur des Arsen Lupin einen Edelganoven, der - leserwirksam - einen Teil seines Beueteschatzes in den Höhlen versteckt - genau gesagt in der Felsnadel Aiguille d' Ètretat, die nicht ohne weiteres zu erreichen ist. Zu besichtigen ist aber die Villa Leblancs, die Leblanc 1918 kaufte, bis zu seinem Tod 1941 bewohnte und in deren Ausstellung viel über Leblanc und Arsen Lupin erzählt wird.. Heute Man kann immer noch stundenlang am Strand sitzen, den kreischenden Möwen beim Fliegen zusehen und einen Café nach dem anderen trinken. Als Monet sein Bild gemalt hat, war der Strand auch nicht menschenleer, weil damals regelmäßig Bade- und Tagestouristen vor Ort waren, doch als Maler kann man ganz einfach die Menschen weglassen. Das Dorf selbst ist touristisch heute so erschlossen, daß man schon ein paar Minuten warten muß, bevor nur wenige Menschen auf dem Bild sind. Für die Jüngeren scheint es eine Pflichtübung zu sein auf die Klippen zu kommen um dort ihren Instagram-Beitrag zu erstellen - ich gucke ihnen lieber von weitem zu. Ob man hier schwimmen will, muß man selbst wissen. Kiestrand mit Badeschuhen geht vielleicht. ![]() Sie haben es geschafft und sind oben - es dauert etwa drei Cafés lang dorthin zu kommen. Die Millionen Besucher der letzten Jahre haben durch ihre instagramablen Fotos leider einen regelrechten Trampelpfad erstellt um das gleiche Bild Millionen Followern zu zeigen, die später ebenfalls hierhin kamen, um das Bild noch einmal selbst zu machen. Das hat zu so einer großen Erosion geführt, daß der Strand unterhalb der Klippen seit 2025 nicht mehr betreten werden darf und kommende Einstürze der ausgewaschenen Felsen sind nur noch eine Frage der Zeit. Zwischen dem Strand und den Parkplätzen tobt das touristische Leben - irgendwas zwischen Königswinter und Venedig in der Vorsaison. Man kann sich vorstellen, was im Juli/August hier los sein wird - vermutlich muß man dann Schlange stehen, wenn man sich hinsetzen will. ![]() Das alte Hotel in Étretat Links https://paris-blog.org/2026/05/#_ftn10 Städel-Museum Frankfurt: Monets Küste (bis 5. Juli 2026) ![]() nach oben |
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