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- Anreise/Maut - Linie 1 / San Marco - Café Florian - San Giorgio und canale grande - Murano
Biennale 2022 - 2019 - 2017 - 2015 - 2013
-
Anreise, Sonntag, 2.10.
2019 waren meine Frau und ich das letzte Mal in Venedig auf der
Biennale, dann brach im Februar 2020 Corona aus und wenig später gab es
die schlimmen Bilder aus Bergamo, als Hunderte Särge mit Militärlastern
abtransportiert werden mussten und in New York Kühlhallen für Tausende
Leichen aufgebaut wurden. Im März 2020 kam der erste
Lockdown und verschiedene Virus-Wellen gingen um die Welt. In Bonn fiel
das Beethovenfest im Prinzip aus, in Venedig wurde die Biennale für
2021 abgesagt. Weitere Lockdowns folgten, Homeschooling für meine Schüler und Enkel, ebenso weitere Viruswellen
und im Frühjahr '21 erhielten wir endlich unseren ersten Impfstoff (mittlerweile sind es vier Impfungen geworden).
Im Frühjahr 2022 gab es kleine Lichtblicke. Erste Konzerte und
Ausstellungen fanden wieder statt und
als wir lasen, dass die Biennale von 2021 nachgeholt werden würde,
buchte meine Frau eine Wohnung im Stadtteil San Croce. Uns war ein
paar Wochen später klar, dass wir im Gegensatz zu früher nicht mehr
fliegen
wollten. Abgesehen von der politischen Korrektness des Fliegens hatten
wir keine Lust zehn Stunden am Flughafen zu verbringen um dann doch
nicht fliegen zu können und weil ich schon längst mal wieder mit dem
Auto nach Italien fahren wollte, buchte meine Frau noch eine
Übernachtung
auf etwa zwei Drittel der Strecke. Durch Vladimir Putin lagen die
Spritkosten zwar jenseits von Gut und Böse, doch wenn
man die aktuellen Flug- oder Bahnkosten des Sommers 2022
gegenüberstellt, waren 2.200 km mit je 7l/100 km und zwei
Übernachtungen vermutlich auf der gleichen finanziellen Ebene, nur eben
streßfreier.
Wir starten am Sonntag und kommen fast ohne Stau durch, allerdings
regnet es in NRW, der Pfalz, in Württemberg und in Bayern - insgesamt
etwa sieben Stunden lang. Wir passieren mit der Frankenhöhe zwischen
Baden-Württemberg und Bayern die europäische Wasserscheide - nördlich
von hier fließen die Flüsse in Nord- oder Ostsee, südlich von hier ins
Mittelmeer und das Schwarze Meer. In Füssen fahren wir über die Grenze
auf den österreichischen Fernpaß, die B171 Richtung Innsbruck. Kurz vor
Innsbruck lässt der Regen nach, die Sonne kommt heraus und das Wetter
wird schön. Nach knapp 650 km ist es aber auch Zeit zu tanken und der
Spritpreis ist - o Wunder - fast 20 Cent billiger als zu Hause. Kurz
danach kommen wir am Hotel an.

Endlich kein Regen mehr
- Unten: Der Mellauner Hof

- Wir checken ein und spüren das Flair des Mittelalters, denn
zufälligerweise ist das Hotel eine im 12. Jahrhundert gebaute Herberge
an der Inntalroute, einer uralten Handelsstraße zwischen Bayern und
Tirol, von der man aus nach Italien weiterreisen konnte. Dicke Wände
und Deckenbalken haben die letzten 700 Jahre gut überstanden und daß
hier die Poststation war, von der aus die Postsäcke Pferd und Reiter
wechselten, kann man sich gut vorstellen. Im ersten Stock ist ein
Aufenthaltsraum mit einem Kreuzrippengewölbe, das man sonst aus
romanischen Kirchen kennt. Viel Charme, viel Flair - nur leider kein
Abendessen mehr, denn die Rezeption und die Küche schließen um sechs.
Immerhin versichert man uns, daß in der Umgebung eine Möglichkeit
besteht etwas zu essen und wir werden auf die nächste Stadt (Telfs)
verwiesen. Dort gibt es immerhin die Alternative McDoof, Döner/Dürum
oder die ortsansässige Pizzeria. Den Abend beschließen wir mit
Mineralwasser auf dem Zimmer.
https://de.wikipedia.org/wiki/Pettnau
https://mellaunerhof.at/
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Anreise, Montag, 3.10.
- Am
Morgen ist der Himmel beim Start noch wolkenverhangen, ab und zu regnet
es und die Temperatur beträgt beim Start elf Grad. Vor Innsbruck gehen
wir auf die A12, wechseln dann auf die A13, die heutige
Brennerautobahn. Den Brenner kannte ich von früher noch als Paß, doch
heute ist er eine dreispurige Autobahn und daß man sich vor fast
fünfzig Jahren mit 34 PS (Käfer) die Pässe herauf und
herunterkämpfte, ist zum Glück Vergangenheit. Einen Fauxpas haben wir
allerdings begangen: angesichts früherer Mautzahlungen hatten wir die
Gebühr (€ 10,50) zwar passend bereit, brauchten für das Bezahlen aber
viel länger als die Anderen, die kurz ihre Kreditkarte davor hielten
und nach zehn Sekunden weiter konnten. Das liegt wohl daran, daß ich
früher immer mit einer Handvoll Kleingeld in Italien unterwegs war,
weil dort alle paar Kilometer irgendetwas zu bezahlen war und ich nie
eine Kreditkarte bekam - jetzt sind die Kontostände zwar besser, aber
ich brauche sie einfach so selten und kam gar nicht auf die Idee sie
dafür zu benutzen.

- Die
Straße steigt allmählich an und der Nebel wird immer dichter. Manchmal
fühlt es sich an wie eine Waschküche - nur eben nicht im Keller. Mit
acht Grad ist es selbst für Oktober zu kalt, die Heizung wärmt und die
Scheibenwischer haben fast soviel zu tun wie gestern in Deutschland.
Ich weiß, daß wir eigentlich einen schönen Ausblick haben müßten, doch
manchmal reicht die Sicht nur bis zum Vordermann und als aus dem Nichts
eine grauer Wagen ohne Licht unvermittelt auftaucht und uns fast rammt,
schalte ich doch die Nebelschlußleuchte ein - das erste Mal überhaupt,
seit ich dieses Auto habe.
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- Gleicher Ort (Steinach), vielleicht eine Minute Abstand zwischen den Fotos.

- Wir
passieren die Grenze nach Italien, ziehen ein Ticket (wie bei der
Einfahrt in die Parkgarage) und müssen bis zum Ende der Autobahn kein
neues Ticket mehr ziehen, wie ich das noch aus den 1980er Jahren
kannte. Damals waren die Autobahnen in privater Hand vieler
unterschiedlicher Gesellschaften.
Nach dem Überqueren der Paßhöhe geht es abwärts, schnell sind die
Wolken fort, die Sonne scheint und die Temperaturen klettern auf bis zu
26 Grad. Nach drei Stunden ist eine Rast fällig und die findet am
Rasthof Lavis statt. Da finden wir Details, die wir in Deutschland so
nicht kennen: Es gibt schattige Plätze für die Autos, damit die sich
nicht so aufheizen, man bezahlt an einer Kasse im Voraus, bekommt
sofort an der Lebensmitteltheke das Bestellte und die Waschräume haben
einen Standard, den ich so nicht von Autobahnen kenne: berührungslose
Seifenspender, temperiertes Wasser und Handtrockner pro Waschbecken -
topmodern designt.

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-
Die nächsten zweihundert Kilometer kann man ganz entspannt rollen, denn
es ist kaum Verkehr, man kann gucken und meine Frau knipst mit
dem Handy vom Beifahrersitz.
Kurz nachdem das letzte Mal Venedig als Hinweis aufgetaucht ist und ich
abgefahren bin, sind an der Mautstation für die 340 km zwischen der
Station Brennero und der Ausfahrt Mestre € 26,20 fällig - das ist
sogar billig, denn die österreichische Maut war für keine 40 km mit
38.- etwa zwölfmal so teuer wie die italienische. Übrigens war der
Spritpreis in Italien mit € 1,62 auf der Autobahn noch einmal
zehn Cent billiger als in Österreich auf der Landstraße (1,75)
gegenüber 1,88 bei einer freien Tankstelle zuhause.
Die letzten Kilometer sind ganz schnell abgewickelt. Nach dem Abzweig
zwischen Mestre und Venedig muß ich mich ein bißchen in die
Verkehrsführung reinfuchsen, doch dann bin ich auf dem Zubringer, an
dessen Ende der Piazzale Roma liegt, an dem Boote, Busse, Autos und die
Straßenbahn ihre Schnittstelle haben. Dort haben wir schon vor Monaten
das Parkhaus gebucht (pro Tag ca. € 35.-), hätten aber mit keinem
anderen Kennzeichen anreisen können und ein Storno ist ebenfalls nicht
möglich. Andere Parkhäuser gehen bis € 50.- /Tag und schlagen damit
sogar die Flughäfen Frankfurt oder Köln/Bonn. Die Alternative wäre ein
Parkplatz in Mestre für etwa den halben Preis und man führe die letzten
Kilometer mit der Bahn bis zum Bahnhof „Ferrovia“. Beim nächsten
Mal nehmen wi vielleicht sogar eine Wohnung am Lido mit Parkplatz, weil
man dann die Fähre nehmen kann und das Parkhaus spart.
Nach dem Einparken nehmen wir nur Laptops, Papiere und wenig Gepäck
mit, weil wir ja noch die Wohnung finden müssen. Dann besorgen wir uns
ein Wochenticket für die Wasserbusse (vaporetti) und zahlen mit € 65.-
nur wenig mehr als vor drei Jahren. Nach zwei Stationen mit der Linie
1 finden wir nach der Beschreibung die Wohnung. Leider klappt der
Türcode nicht, aber die Wohnung wird aufgeschlossen und die
Reinigungskraft empfängt uns, gibt uns die Schlüssel und ich fange an
auszupacken. Nach fünf Minuten kommt die Dame gestikulierend wieder und
hat zwei Männer im Schlepptau, die ihrerseits unseren Schlüssel haben -
kurz und gut, man hat uns die falsche Hausnummer gemailt.

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Das
Problem ist eine Tür weiter gelöst. Die andere Wohnung ist schöner und
größer und hat sogar einen kleinen Garten im Innenhof - eine Seltenheit
in Venedig, weil es da ja keinen natürlichen Boden gibt. Die ganze
Stadt steht auf Millionen versteinerter Eichenpfähle und wenn es
irgendwo Bäume gibt, stehen die eben auf einer mehr oder weniger dicken
Schicht aufgeschütteter Erde. Wir haben nun keine Bäume im Hof, aber
eine Menge Blumenkästen und weil die Vermieterin eine Tür weiter wohnt,
gießt sie lieber selber.
Am späten Nachmittag holen wir den Rest des Gepäcks, kaufen im Supermarkt am Piazzale ein und essen im Innenhof zu Abend.
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- Dienstag, 4.10.
Gewohnheitsmäßig
fahren wir am ersten Tag erst mal die Linie eins ab um zu gucken, was
sich verändert hat, doch heute wollen wir lieber ein bißchen laufen.
Alle paar hundert Meter finden sich Hinweise nach San Marco oder zum
Piezzale Roma („Römerplatz“ würde er wohl in Deutschland heißen), an
dem alles abfährt, was Rad oder Schraube hat. Da meine Frau Berge von
Postkarten an Familie und Freunde schreibt, müssen wir erst einmal
Briefmarken besorgen und das geht am besten vor dem Piezzale San Marco,
was zu Fuß von unserer Wohnung in gut zwanzig Minuten zu schaffen ist -
jedenfalls schneller als mit der Linie 1.
Bei St. Stae laufen wir über eine Brücke, unter der eine Armarda von
Gondeln im Stau steht. Auf einer Gondel spielt ein Mann Akkordeon, die
andere Gondolieri singen dazu und es herrscht ein bißchen
Party-Stimmung. Wir kommen an einem Laden vorbei, den ich aus
Cannaregio kenne: Im Schaufenster stehen Träume für Gitarristen, alle
nur denkbaren Modelle für kleines Geld. Leider sind die Instrumente
auch nur 20 cm hoch und nicht spielbar, aber zum Träumen taugen sie
genauso gut wie die echten Modelle: Strats, Telecaster, Ovations,
Martin Gitarren, SG- und Les Paul-Modelle. Es gibt die Gitarren auch
als Schlüsselanhänger, aber das macht die Schlüssel dann etwas sperrig.
Vielleicht nehme ich mir trotzdem ein Modell mit.

Weiter kommen wir allmählich nach San Marco. Die Geschäfte, die
in San Croce oder Giglio noch von ortansässigen Handwerkern oder
Händlern betrieben wurden, weichen nun den teureren Lagen. Ein
Kunsthändler hat sich auf Lorenzo Quinn
spezialisiert, der seit einigen Biennalen jedes Mal in Venedig
Stammgast ist. Preise stehen natürlich nicht drauf, aber sechsstellig
ist es wohl immer. Der Kunsthändler Contini hat eine Skulptur des 2014 gestorbenen Igor Mitoraj draußen
stehen, dessen Objekte in den letzten Jahren immer am canal
grande standen und mittlerweile unbezahlbar geworden sind. Andere
Händler verkaufen Schuhe, die auch als Kunstobjekt durchgehen können -
ob man aber darin über die Straßen laufen kann, wage ich zu bezweifeln.
Obere Reihe: links: Lorenzo Quinn: Baby,
rechts: Mitoraj: Kopf
Untere Reihe, links: Lorenzo
Quinns Arme mit
Herz,
rechts: Schuhe
Quinns Arme aus der Biennale 2019
Ganz
irre wird es bei Prada, wo ein ganzes Schaufenster reserviert ist, um
eine einzige Tasche auszustellen. Wenn man weiß, daß in dieser Toplage
der Quadratmeter schon mal tausend Euro kosten kann, lässt sich
ausrechnen, wieviele Modelle dieser Tasche verkauft werden müssen (sie
ist mit € 2.100.- noch recht billig dagegen....). Die letzten 500 Meter
vor dem Markusplatz sind die teuersten Läden Italiens: Prada, Versace,
Gucci, Chanel, Tag Heuer etc. Allerdings stehen hier keine kreischenden
japanischen Mädchen herum (was wir mal in Mailand an ähnlicher Stelle
erlebt haben), sondern ältere Damen mit guter Kleidung und guten
Manieren treten höflich in die Läden, werden höflich von schwarz
gekleideten Damen oder Herren in Empfang genommen und dann werden
diskret die Waren gezeigt.

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- Das Postamt gibt es noch. Rechts steht die
Schlange derer, die erst eine Wartemarke ziehen, um dann Geldgeschäfte
zu erledigen oder Päckchen zu holen oder zu bringen. Links ist ein
kleiner Schalter, in dem man fast ohne Wartezeit Briefmarken kaufen und
Gebühren erfragen kann. Dieses Mal muß man zwei Marken kleben: eine
reguläre für 5 Cent und eine ohne einen angegeben Wert, die aber
amtlich aussieht. Zwanzig mal Marken für Postkarten kosten schließlich
€ 25.-
- An
der Rückseite des Piazzale San Marco agekommen stellen wir fest:, daß
der Platz fast leer ist - eine Seltenheit am späten Vormittag.
Ein einsamer Händler verkauft Souveniers, die Schlange vor dem Dom hat
mal gerade ein paar Meter und beim Café Florian sind die Hälfte der
Tische frei. Einer spontanen Idee folgend beschließen wir, mal ins
Florian zu gehen. Wir waren schon so oft in Venedig, meine Frau kennt
es seit sechzig Jahren, aber mit Kindern war es immer unbezahlbar und
ihre Eltern haben es auch nie mit ihr gemacht, wenn sie überhaupt mal
alleine da waren. Ein Tee oder Kaffee wird ja wohl nicht mehr als einen
Zehner kosten, denken wir.
Der weißbefrackte Kellner ist überaus höflich, rückt uns die Stühle und
stellt erst einmal die Musikkarte auf den Tisch. Darin ist außer der
Setliste zu lesen, daß alleine für die Kapelle pro Person 6.-
berechnet werden - okay. Daß die Musiker Vollprofis sind, habe ich
schon länger gewußt. Wir entscheiden uns zum Bleiben.
Als nächstes bringt der Kellner die Karte und nun wird es teuer. Die
Preisspanne reicht von der Musikpauschale bis zum Porzellangedeck als
Souvenir für € 480.- und eine Flasche Wein liegt zwischen € 90.- und €
450.- Zwei geviertelte Doppeltoastschnittchen schlagen mit je € 13.- zu
Buche, der Tee liegt bei 10,50, den Kaffee für € 15.- verkneife ich mir
und ordere ein halbes Literchen Wasser mit zwei Eisstückchen und einem
halben Zitrönchen für einen knappen Zehner.
Der Kellner warnt uns vor den Möwen, deckt eine teure Stoffserviertte
über die teuren Doppeltoastschnittchen und wünscht bon appetito.
Unsere doppelten Toastschnittchen, den Tee und das Wasser strecken wir
eine knappe Stunde und zahlen hinterher € 60.- für delikaten Musik- und
Toastgenuß.

- Am
Nachbartisch lassen die Herrschaften eine Schälchen Oliven stehen
(bestimmt für € 20.-) und sofort kommt eine Möwe. Es ist eine
Sekundensache für sie, die Oliven zu schnappen und vor dem Kellener zu
flüchten. Keine Minute später ist der Tisch abgedeckt und schon wieder
neu besetzt. Das Café Floran gibt es seit über dreihundert Jahren (seit
1720) und dieses Geschäftsmodell hat bisher alles überstanden.

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- Nun
trödeln wir Richtung Piezzale Roma, kaufen ein bißchen ein und fahren
zwei Stationen zur Wohnung. Hier werden Bilder gesichtet, ein wenig
geschrieben und als wir zur Abendfototour aufbrechen, schauen wir schon
einmal, was entlang des canal grande an Kunst steht. Die Skulptur von
Lorenzo Quinn ist bei Dämmerung
nicht so gut zu erkennen, doch am nächsten Tag, bei besserem Licht
sieht man die Genialität, selbst, als das Boot zügig vorbeifährt. Viele
kleinere Sachen kann man aber schon nicht mehr erkennen, also werden
wir die Strecke morgen noch einmal abfahren.
In Höhe des Arsenale ist ein größeres
Polizeiaufgebot mit blinkendem Blaulicht. In den italienischen Farben
angestrahlt liegt dort das Segelschulschiff „Amerigo Vespucci“ - nur
mit der deutschen „Gorch Fock“ vergleichbar, aber etwas größer und
älter. Viele Menschen stehen in einer langen Schlange an, um das Schiff
zu besichtigen, und die Atmosphäre und das Geschrei der Leute hat etwas
von einem Pop-Event. Dabei wollen sie nur das Schiff besichtigen (und
auch einen Kreuzer 500 m weiter), denn es sind auch Hafentage in
Venedig und da macht die Marine ein bißchen Reklame. Der Liegeplatz vor
dem Historischen Schiffahrtsmuseum ist ja für beide Seiten eine Reklame.
Zwei Tage später komme ich bei gutem Tageslicht
vorbei und kann Details des Schiffs erkennen. Das Ding ist schon ein
nationales Symbol, selbst ohne italienische Farben, und die
Marineoffiziere grüßen die Leute und einander und führen Scharen
von Schaulustigen ins Innere des Heiligtums.

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- Mittwoch, 5. 10.
- Die
Kirche San Giorgio war in den letzten Biennalen immer Standort für
buchstäblich große Kunst. 2019 stand dort die Himmelsleiter, 2017 stellte Michael Pistoletto Spiegel in den Raum und sprengte die Grenze zwischen Schein und Sein. 2015
war ein überdimensionaler Kopf aus einer Art Maschendrahlt zu sehen, ähnlich wie Lorenzos Quinns „Baby“ in diesem Jahr auf dem canal grande und 2013 war es Marc Quinns elf Meter große Stoffstatue „Alison Lapper
Pregnant“.
- Dieses Jahr hat der chinesische Künstler Ai Weiwei ein Zeichen gesetzt, ein „memento mori" (= lat: „Gedenke, daß du sterblich bist“).
Von einem etwa fünfzehn Meter hohen Gerüst hängen -zig Skelette,
Knochen und Schädel aus schwarzem Murano-Glas und werden von den
Luftzügen lamgsam bewegt. Wenn man sich überlegt, wie teuer Murano-Glas
ist, muß Ai Weiwei viele Menschen überzeugt haben ihr Scherflein für
dieses Millionenprojekt auszugeben. Ich hätte sicher auch etwas
gegeben, denn dieses Kuntsprojekt reiht sich ein in die ganz großen
Dinge der letzten zehn Jahre.

Oben: Die Konstruktion hängt in einem stabilen Stahlrahmen
Unten: Detail eines gläsernen Schädels

- Außerhalb der Kirche geht es mit Ai Weiwei weiter: In der Vergangenheit hat er den Pointilismus eines George Seurat
weiter gedacht und auf Legosteine übertragen. Nun hängen hier
Schwarzweiß-Fotos von ihm selber, aber auch Klassiker des 19. und 20.
Jahrhunderts - alle aus kleinen Einer- oder Zweiersteinchen von
Lego gepuzzlet. Das geht über die übliche Mosaik-Technik weit hinaus,
denn man kommt aus ein paar Metern Entfernung überhaupt nicht auf die
Idee, warum die Bilder etwas Besonderes sind - bis man ganz nah
herangeht und das Legosteinchen als solches erkennt. Zwei Amerikaner
standen mir aus Frackigkeit bestimmt fünf Minuten im Bild und so nehme
ich sie jetzt als Größenvergleich. Wer schon mal ein 2.000er-Puzzle
gemacht hat, kann sich den Zeitaufwand vorstellen, aber ich denke, Ai
Weiwei muß dafür Assistenten haben. Die Dame von Giorgone hat bei Ai
Weiwei etwa die Ausdehnung von sieben mal zweieinhalb Metern und die
Legosteinchen mit einer Einheit (Einser) haben eine Grüße von 5 x 5 mm.
Also ist das Ganze ein Puzzle im Millionenbereich und damit vermutlich
am Computer berechnet.

- Oben: Die Vorlage von Giorgone: „Schlafende Venus“ (Dresden, Gemäldegalerie Alter Meister)
darunter: Ausschnitt des Oberkörpers.

- unten: Detailausschnitt des Achselbereichs und der Größenvergleich mit den beiden Amerikanern.
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Zwischentext - Biennale 2022 - Biennale 2019 - Biennale 2017 - Biennale 2015 - Biennale 2013- Die Biennale findet traditionell an vielen Orten statt. Der wichtigste Ort ist das Ausstellungsgelände in den Gärten (gardini) zwischen Arsenale und Lido. Im Arsenale,
der alten Schiffswerft, sind die Hallen hoch genug für wirklich große
Kunst und Höhen bis zu zehn Metern. Ebenfalls wichtig sind die Kirche
San Giorgio und die angrenzenden Hallen des ehemaligen Klostergeländes.
Außerhalb dieser Schauorte findet man aber in ganz Venedig immer
einzelne Künstler, die in den Villen und Palästen ausstellen und das
Verhältnis zwischen den Ausstellungszentren und den einzenen Häusern
hält sich fast die Waage. Man ist also gut beraten, auf dem canal grande Ausschau zu halten, durch die Stadt zu bummeln und in die Häuser zu gehen, die das Motto der Biennale auf der Fahne haben. Lorenzo Quinn ist so jemand, den man nicht übersehen kann. 2017 zeigte er am canal grande überdimensionale Arme, die scheinbar ein Haus abstützten, 2019 zeigte er im Arsenale sechs Handpaare
(allerdings nur rechte Arme), die jetzt (2022) immer noch ausgestellt sind. Dieses Jahr ist der Hingucker das Baby
auf dem mütterlichen Becken. Entwürfe dazu gab es in Glas und in Marmor,
doch zwischen der Accademia-Brücke und der Kirche Santa Maria della
Salute sieht man die Baby-Skulptur in einer Art Maschendraht ausgeführt.

-
Die Strecke entlang des canal grande ist
generell ein guter Ort um einen ersten Eindruck zu bekommen. Es ist
aber etwas aufwendig gute Bilder zu machen, weil man erst zum Lido muß
und da geht eine Stunde schon mal weg. Dort angekommen stellt man sich
an der Abfahrt der Linie 1 so an, daß man unter die ersten fünf kommt,
die das Boot betreten, geht zu den vorderen rechten Plätzen und kann
gut die rechte Seite sehen. Wenn das Objekt der Begierde in die Nähe
kommt, hat man etwa zehn Sekunden Zeit für Fotos - eines davon
ist wahrscheinlich brauchbar.
- Für die andere Seite des canal grande macht man die gleiche Prozedur am piezzale roma...
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- Donnerstag, 6.10.
Die
Insel Murano ist eigentlich etwas Besonderes, weil bis zum 17.
Jahrhundert die Glasherstellung so exklusiv war, daß man die Glasbläser
zwar sehr gut bezahlte, doch sie konnten ihr Geld nicht ausgeben, denn es war ihnen bei Todesstrafe verboten, die
Insel zu verlassen, damit das Geheimnis der speziellen Glasherstellung
nicht weitergegeben wurde. Trotzdem entkamen irgendwann einige
Glasbläser, gründeten in Böhmen und Schlesien ihre Betriebe und selbst
die Geheimpolizei, die Sbirren,
konnten dies auf Dauer nicht verhindern, obwohl sie mit speziellen
Glasmessern die ersten Arbeitsflüchtlinge
aufspürten und hinrichteten. Die
Killer benutzten ein Glasmesser. Dabei wird nach dem Stich der
Griff abgebrochen, die gläserne Klinge bleibt im
Körper und ist erstmal nicht zu sehen, so dass kaum jemand mitbekam,
wenn sein Nachbar erdolcht wurde und auf einmal zusammenklappte. Heute sind die Arbeitsbedingungen für die
Glasbläser etwas besser. Sie dürfen ihr Geld nun außerhalb der Insel ausgeben, aber anstrengend ist ihre Arbeit geblieben.
- Immer noch ist Murano-Glas etwas Besonderes, vor allem wenn Künstler damit gescheit umgehen können (wie z. B. Ai Weiwei).
Die gläsernen Skulpturen sehen oft toll aus, kosten dafür viel und sie
sind nie kindersicher. Wenn man nicht ein paar Hundert Euro oder mehr
ausgeben kann und nicht genug Platz für die „Stehrümchen“ hat ( = etwas, das herumsteht und verstaubt),
sollte man besser nicht in die Läden gehen. Billigeres Murano-Glas ist
auch keine Alternative, denn vor ein paar Jahren war der größte Teil
der Dinge unter € 20.- „made in china“. Dies hat sich zwar etwas gebessert und immer mehr Händler weisen ausdrücklich darauf hin, daß die Ware „no china product“
ist, doch für eine halbwegs schöne Schale geht enfach ein Hunderter weg
(oder mehr) und wenn sie herunterfällt, ist sie eben kaputt.
- Beim Rundgang durch
Murano kann man sich also durchaus kleine Dinge gönnen und wenn man den
Kindern einen Glaskäfer oder etwas Ähnliches für unter zehn Euro kauft,
hält sich der Schaden in Grenzen, denn das Herunterfallen ist ja nicht
eine Frage des ob, sondern des wann. Schön sind die Sachen trotzdem und
manche Glasbläser haben einen Sinn für Satire und Komik. Künstler sind
sie sowieso alle.
- Wenn man
das mal erleben will, besucht man am besten eine Vorführung. Ich habe
dort erlebt, wie innerhalb von noch nicht mal drei Minuten aus einem
Klumpen glühenden Glases ein Pferd entstand. Es war etwa so, als wenn ein Maler drei Striche macht und man erkennt ein Pferd.
- Offensichtlich hielt es der Glasbläser aber nicht für gut
genug, denn am Ende der Schöpfung wurde es zerschlagen und kam ins
Altglas.
- Eigentlich wollen
wir der Tochter einen Teller mitbringen, weil sie ihr Murano-Andenken
mal zerdeppert hat, aber was hier angeboten wird, ist ziemlich kitschig
und es kommt ja noch der Touristenzuschlag drauf. In den Einkaufsstraßen
von Cannaregio, San Polo und San Marcuola bekommt man die meisten Dinge
auch - dort etwas billiger. Nur für die teure Kunst muß man nach Murano
oder zu den Galeristen. Doch am Abend fanden wir den Teller für etwa die Hälfte....
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Weitere Links zu Murano: Murano 2015 - Murano 2011 -
https://de.wikipedia.org/wiki/Murano
- Freitag, 7.10.
Am Vormittag werden ein paar
hundert Fotos gesichtet und etwas Text geschrieben. Recherchieren und
Bloggen kann richtig Arbeit sein und die braucht einfach Zeit. Deswegen starten wir erst später.
- Am Nachmittag machen
wir uns auf zur Giardini. Dort, am Liegeplatz der beiden großen Schiffe
„San Marco“ und „Amerigo Vespucci“, steht das „Museo Storico Navale della Marina Militare“,
also das Schiffsmusum. Das Museum ist in einem Gebäude des 15.
Jahrhundert untergebracht, einem früheren Kornspeicher der Stadt und
weil es in der Nähe des Arsenals liegt, untersteht es zum Teil immer noch
der italienischen Marine. Deswegen liegen die großen Schiffe der
Gegenwart (Kreuzer „San Marco“) und der Vergangenheit (Segelschulschiff
„Amerigo Vespucci“) auch direkt davor und die Marine macht so doppelt
Reklame für sich.
Neben dem Museum ist ein ehemaliges Verwaltungsgebäude der Marine mit einem Garten mit Skulpturen, der auch
zur Biennale gehört. Manche Objekte sehe aus wie ein dreidimensionaler
Franz Marc (ein blaues, kubistisches Pferd), aber diese Teile gibt
es auch als roten King-Kong oder als weißen und blauen Eisbären. Unter anderem stand dort eine Skulptur aus Edelstahl von Masoud Akhavanjam, die zwei kämpfende Pferde zeigte (unten). Ich
fand die anderen Skulpturen nicht so prickelnd, doch eine Sache fand ich sehr gut.
Unter dem Namen „Burn, Baby, burn“ hat der Künstler Albert Scopin
einen ausgebrannten Porsche 911 ausgestellt und vergleicht ihn mit
einer
Geliebten, die zwar noch da ist, aber nicht mehr tanzen (fahren) kann.
Das paßt! Das Ding kann man auch kaufen, aber es ist natürlich größer
als ein Murano-Stehrümchen und mit Sicherheit erheblich teurer.
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- Samstag, 8.10.
Vormittags wird gegammelt, gelesen
und geschrieben. Dabei beschließen wir, die Giudecca, die Insel südlich
der Dogana und der Zattere, einmal lang zu laufen. Ulrich Tukur soll
dort wohnen, aber wir werden ihn weder suchen noch belästigen.
- Die Linie 5.1 bringt
uns von Riva de Basio zur Zattere. Von dort setzen wir mit der Linie 2
zur Palanca über, steigen aus und laufen los. Die Zattere steht seit
Mittag voll in der Sonne, die Giudecca aber ist noch im Schatten. Weil
Flut ist, spritzen ab und zu Wellen auf die Promenade und die Tische
der Restaurants sind noch nicht voll besetzt, weil es ja dort kühler
ist als auf de gegenbeliegenden Seite und solange man nasse Füße
bekommen kann, wird sich kein Mensch hinsetzen.

- Trotzdem ist es
schön, denn es sind kaum Touristen unterwegs. Der Grund ist ganz
einfach: Ab der zweiten Reihe stehen Mehrfamilienhäuser und Wohnblocks,
in denen die normalen Menschen wohnen und deswegen gibt es auf der
Giudecca auch einen Waschsalon, eine Apotheke, Lebenmittgeschäfte und
ein paar Handwerker. Trotzdem stehen ein paar Läden leer. Vermutlich
werden dort Galeristen einziehen oder man wird sie zu Appartements
umbauen - ich fürchte, irgendwann ist die Stadt eine Art Disneyland für
Asiaten und Amerikaner und die italienischen Einwohner leben alle in
Mestre.
- Am ponto piccolo geht ein Kanal in die Lagune. Von diesen Kanälen gibt es insgesamt zwölf Stück, die aus der Giudecca
eben nicht eine große Insel machen, sondern genausoviel kleine. Das
Luxushotel Molina Stucky liegt dabei auf einer eigenen Insel. Natürlich
gibt es überall kleine und mittlere Brücken, aber die sind auch mal
abschließbar, wenn es um privaten Grund geht. Jedenfalls kann man von
der Station Palanca bis zur Station Zitelle laufen und sieht ein bißchen etwas Anderes als sonst.
- Gegen 13:00 Uhr kommt eine ganze Armada von ATCV-Booten den Giudecca.Kanal
gefahren, auf denen lautstark gesungen wird. Drei Boote sind mit einer
rot-weißen Fahne geschmückt und es klingt eindeutig nach Fußballfans.
Unser Sohn ist in diesen Dingen fit und als wir ihn per What'sApp
fragen, was das sein könnte, kommt drei Minuten später die Information,
daß Venedig in der zweiten Liga spielt und um 15:00 Uhr ein Spiel gegen
Bari hat. Der Kicker schreibt am Abend,
Venedig (Platz 16) hätte gegen Bari (Platz 2) 1:2 verloren - das
entspricht in etwa einem Spiel zwischen Bochum und Dortmund eine Liga
tiefer.
- An der Redentore ist
es still. Die Kirche ist offen und im Inneren ist es sehr still - wir
sind alleine. Selbst die Stille der Kirche hat eine eigene Akustik und
es ist eine Wohltat, da zu sitzen und ab und zu ein leises Boot von
draußen zu hören. Wir kennen die Redentore auch anders.

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Sonntag, 9.10.
An diesem Tag bummeln wir ein bißchen durch die Salute und Dorsoduro
und weil das alles schon mal beschrieben wurde gibt es hier nur die
Links. Das Guggenheim-Museum schenken wir uns dieses Jahr, aber auf der
Rückseite gibt es ein neues Kunstgeschäft. Vorher verkaufte der Inhaber
hölzerne Unterhosen auf Wäscheleinen, doch nun ist er umgezogen und sein Nachfolger
verkauft erstmal alles, was mit Kunst zu tun hat. Zum Lesen klickt man
am besten auf das Bild.

- Kunstgeschäft hinter dem Guggenheim-Museum.
- Außerdem tun die Füße weh und darum wird der Artikel über San Michele neu bearbeitet. Auch hier klickt man zum Lesen am besten auf das Bild.

Die Engel wissen den Weg zum Friedhof
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- Biennale 2022 - Erklärtext

Giardini - Zum Stadtteil Castello
Venedigs Giardini
(= Gärten) sind streng genommen kein eigener Stadtteil, doch sonst gibt es nur in St.
Elena noch mehr Grün. Wenn Vendig ein Fisch ist (das ist
die typische Darstgelung), ist Castello die vordere Schwanzflosse und
St. Elena, der Nachbarstadtteil, die untere Spitze. Dort ist so viel
Grün, daß es sogar zu einem Fußballstadion reicht, in dem der
Zweitligist Venedig sich versucht zu behaupten.
- In den Giardini wurde 1895 vom italinischen
Königspaar die erste Biennale eröffnet und schon gab es den ersten
Skandal weil Giacomo Grossos großformatiges Aktbild „Il supremo convegno“
(etwa: Die höchste Konferenz), die Königin recht schockierte.
Seitdem hat es etliche Biennalen gegeben (etwa sechzig) und ein Skandal
war eigentlich immer dabei.
Arsenale - Zum Stadtteil
Venedig
Arsenale sind die ehemalige Schiffbauerwerften, in denen im 16.
Jahrundert pro Woche bis zu drei Galeeren gebaut wurden. Entsprechend
riesig ist das Hafenbecken und entsprechend viele Hallen gibt es, in
denen bei der Biennale Kunst gezeigt werden kann.
- Samstag, 15.10.
- Ich hätte wirklich gerne etwas über die
Biennale 2002 in den Gärten und den Arsenal-Hallen geschrieben, doch
wir haben uns in der ersten Woche vermutlich im Inneren der Vaporetti
infiziert. Vier Tage lagen wir mehr in der Wohnung, als daß wir dort
herumhockten, dann schleppten wir uns am Donnerstag zum Auto und fuhren
heim. Am Freitag angekommen war der Corona-Test positiv und deshalb
gibt es dieses Jahr keinen Biennale-Bericht, Wie es in Zukunft sein
wird, werden wir sehen. - Bericht 2024.
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Orientierung für Anfänger nach oben
- Adressen finden - Einkaufen - Gepäckaufbewahrung - Stadtteile - Verkehrsmittel - Kritisches
Venedig ist nur theoretisch einfach, in Wirklichkeit aber
kompliziert. Man muß auf jeden Fall wissen, ob man auf die eine oder
die andere Seite des canal grande
muß (wobei Begriffe wie „links“ oder „rechts“ nicht taugen, weil der canal ständig seine Richtung wechselt. Zum
Seitenwechsel gibt es vier Brücken: an der piazzale roma steht modernste von allen, die Ponte della Costituzione, die erst 2008 eingeweiht wurde. An der ferrovia ist die nächste Brücke die Ponte Scalzi aus dem 17. Jahrhundert. Die Ponte de Rialto ist die älteste von allen Brücken (spätes 16. Jht) und die letzte, kurz vor San Marco, ist die Ponte dell' Accademia, die erst 1854 eröffnet wurde. Wem das nicht reicht, der muß einen „traghetto“ nehmen, eine Personenfähre, die es alle paar Stationen gibt (z.B, zwischen Ca' Rezzonico und San Samule, Preise um die fünf Euro - je nach Jahreszeit. Entlang des canal grande gibt es alle zwei bis fünfhundert Meter eine
Haltestelle der Linie 1 oder 2 (leider manchmal auf der verkehrten Seite). Wenn man die vier Brücken kann und weiß, wie man zum piazzale roma oder nach San Marco kommt, kann man sich schon nicht mehr vertun, aber dafür braucht man etwa eine Woche in der man viel läuft.
- Adressen
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setzen sich zusammen aus der Angabe
des Stadtteils und einer meistens vierstelligen Hausnummer. Unsere
Ferienwohnung lag mal in Dorsoduro 2925, aber es ist durchaus nicht so,
daß
ein Kanal bei der Nummer 1 beginnt und logisch dreißig Nummern weiter
endet. Da der Teufel hier im Detail
steckt, muß man wissen, wo man suchen soll. Smartphones helfen nur bedingt, denn in den engen Gassen versagt die Ortung manchmal. Es
kommt schon vor, daß die Nummer 352 sofort mit der Nummer 402
weitergeht (gesehen in Cannaregio) - da macht man nichts mehr. Das
Handy liefert aber über die Kartenfunktionen zumindest einen Stadtplan,
mit dem man die Nummer real suchen kann.

- Hausnummer sind nur bedingt verläßlich - manchmal geht die Zählung hinter dem Haus weiter.
Adressensuche
- nach oben
Besser ist folgende Systematik: Venedig hat als oberste Orientierung
den canal grande. Die Seitenkanäle haben meisten den Namen „Rio“, dann
ist es eine direkte Verbindung, oder die Bezeichnung „Calle“, dann
fließt dieser Unterkanal in irgendeinen „Rio“. Entlang dieser Kanäle
gibt es fortlaufende Bezeichnungen der Häuser. Venedig hat außerdem ein
paar hundert Kirchen, die irgend einem Heiligen gewidmet sind (z. B.
dem San Giorgio mit dem Lenkrad...). Eine Kirche wie San Paolo Apostolo
< daraus wurde „San Polo“ >, liegt an einem Platz, der „Campo <Platz> San
Polo“ heißt oder „Parrocchia <Pfarrhof> San Polo“, von dem aus die Zuflüsse zum canal grande, entsprechend
„Rio San Polo“ oder „Calle San Polo“ heißen. Die Brücke über einen „Rio“ oder „Parrocchia“ oder eine „Calle“ heißt in der Nähe der Kirche
logischerweise „Ponte Rio/Parrocchia/Calle San Polo“. Leider kann man sich damit nur
ungefähr orientieren, denn es gibt wieder mehr Brücken als Kirchen,
wenn auch nicht so viele Brücken wie in Hamburg. Man muß also gucken, wo die jeweilige Kirche steht und hat dann eine ungefähre
Vorstellung, wo man suchen muß und wenn man einen kleineren Kanal findet, kann man sich ungefähr ausrechnen, wo der hinführt.
- Kompliziert ist es bei Adressen ohne
Heiligen. Zum Beispiel führt der „Rio di Toletta“ von Dorsoduro zur
Accademia, aber da muß man erst mal drauf kommen. Es gibt auch Adresse wie „Fondamente...“
, die nur anzeigen, daß es hier mal eine Stadterweiterung gab. Im
Zweifelsfalle läuft man solange, bis man ein kleines gelbes Pfeilschild
findet, auf dem steht „per S. Marco“ oder „per Accademia“ oder „per piazzale R.ma“ oder so. Darauf kann man sich immer verlassen und am Ende gibt es eine Haltestelle der Linie 1.
- Merke: Gehen Sie am Anfang nie
ohne Stadtplan und schon gar nicht ohne Mehrtagesticket des Vaporettos,
denn da kann man, wenn man sich verlaufen hat, bei jeder Station
einsteigen und kommt im Zweifelsfalle wieder beim piazzale raus.
Von da sollte man wissen, wie man nach Hause kommt. - nach oben
- Einkaufen
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Tagestouristen gehen nicht einkaufen, außer
sie brauchen originale chinesische Souvenirs aus Venedig oder ein
Touristenmenü für € 25.- (Pizza, Cola, Eis). Alle anderen brauchen die
aufgezählten Möglichkeiten:
Der größte Supermarkt ist der Coop an der Piezzale Roma
- von dort aus kann man mit der Linie 1 den Krempel halbwegs in die Nähe
der Fewo bringen. Neben dem coop findet man auch einen gut
sortierten dm-Markt. Alles, was der coop nicht hat, kriegt man auch nicht
in Venedig, sondern dann muß man mit dem Zug nach Mestre und findet
dort Lidl, Aldi und Konsorten.
- Weitere gut sortieren Märkte finden sich in der
Straße zwischen der Ferrovia und Cannaregio (Spar-Märkte - einer
davon im alten Theater untergebracht), an der Zattere (conad), in Dorsoduro am Campo S. Margerita (conad) und zwischen San Marco und San Polo, aber die sind alle kleiner und teurer. Brot wird nach Gewicht bezahlt und wenn man es nicht gewogen hat, wird man an der Kasse wieder zurückgeschickt.
- Wurst würde ich nicht kaufen, Schinken
umso lieber und eine venezianische Spezialität ist ein feuchtweicher
Gorgonzola mit Mascarpone der unvergleichlich gut ist (wenn man es schaft die Alufolie halbwegs abzupiddeln).
Generell ist Käse besser und teurer als in Deutschland. Die Enge an den Kassen muß man erlebt haben - die
deutsche Brandschutzaufsicht würde die Krise ob der fehlenden Fluchtwege kriegen.
- Generell gilt, daß Einkaufen Zeit und
Kraft kostet, vor allem wenn man nicht nur zu zweit in der Fewo hockt.
Zwei Stunden gehen immer drauf. Wenn man einen stabilen Einkaufstrolley
mit großen Rädern und Metallgestänge hat, sollte man ihn mitnehmen.
Ohne Trolley ist ein Großeinkauf eine ziemliche Schinderei.
- Wasser
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- Leitungswasser kann man in Venedig weder für Tee, noch für Kaffee
benutzen. Man holt sich das Trinkwasser im Supermarkt und hat dann
keinen Streß mit verkalkten Wasserkochern und einem schlechten
Geschmack. Wenn es heiß ist braucht man viel Wasser. Praktischerweise
sind viele
kleine Brunnen über die Stadt verteilt, bei denen man seine
Wasserflasche auffüllen kann (da schmeckt das Wasser anders als aus den
Leitungen). Wenn es kein Trinkwasser ist, steht dies
ausdrücklich mit Warnhinweis dran. In jeder Gasse gibt es außerdem
kleine
Läden, in denen man für den halben Liter Wasser (mit Kohlensäure = frizzante) zwischen einem und zwei Euro zahlt - je nach Lage zur San Marco und Rialto.
- Briefmarken / Post
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- Die kleinen Zigarettenläden (tabacchi) verkaufen Postkarten mit Marken. Um Briefmarken zu kaufen, geht man in die Post
am Piezzale San Marco (nicht die Kirchenseite, sondern die andere
Seite). Nirgendwo steht, daß man für Briefmarken keine Nummer ziehen
muß, sondern sie am Nebenschalter bekommt - allerdings haben wir für
diese Information beim erstenmal auch eine Nummer gezogen, dreißig
Minuten gewartet, wurden in zwanzig Sekunden barsch abgefertigt und
nach nebenan geschickt. Die Post ist hier eher für Renten und
Bankgeschäfte zuständig - die dauern einfach länger.
- Gepäckaufbewahrung
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- Üblicherweise
muß man seine Fewo bei der Abreise morgens gegen zehn Uhr verlassen,
hat oft aber erst den Flug am späten Nachmittag oder Abend. Da bietet
sich die Aufbewahrung am piazzale
an (pro Stück 7.-), die abends bis 21:00 Uhr besetzt ist. Es gibt auch
billigere Tarife in kleinen Läden um die ferrovia oder in Cannaregio,
die teilweise nur € 5.- nehmen - aber die muß man finden und vor allem
muß man sie wiederfinden. Nix für Anfänger.
- Stadtteile
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- Man kommt normalerweise an der Ple.(piazzale) Roma an, die zu San Croce gehört, im Nordwesten Venedigs. Im Süden liegt die langgezogene Insel Isola dell Giudecca und gegenüber, auf der anderen Seite des canal de giudeccha
liegt der zweitsüdlichste Stadtteil Dorsoduro daneben San Marco im südlichen Zentrum. Im Norden liegen
Cannaregio und San Polo, die Stadtteile Castello und Arsenale liegen im Osten. Außerdem gibt es noch den Lido, der die
Lagune vom Meer trennt und nur mit der Fähre zu erreichen ist, und viele Nachbarinseln (Karte).
- Verkehrsmittel
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- Venedig hat gegenüber 2019 die Preis leicht verändert. Die Einzelfahrt mit dem Wasserbus (vaporetto) des venezianischen Verkehrsverbundes ACTV liegt nun bei € 9,50.-, das
Tagesticket liegt nun bei € 24.- , das Drei-Tagesticket lag
heute bei € 45.- , das Wochenticket bei € 65.-. Allerdings ist
die Fahrt von und zum Flughafen nicht mehr inbegriffen. Man kann die
Tickets online bestellen und per Code an jedem Automaten ausdrucken und
eine Handy-App gibt es nun auch. Tarife des ACTV
- Der Aerobus kostete dieses
Jahr € 14,00.- , die Einzelfahrt und Rabatte gibt es nicht. Wer etwas
mehr ausgeben kann (20.-), nimmt den schnelleren blauen Bus und hat
dafür W-Lan. Kinder bis fünf fahren frei, Schülerermäßigung gibt es
niemals. Dies habe ich im 2018 bei einer Klassenfahrt mit
meiner Zehn sehr eindrücklich gemerkt.
- Trotzdem bleibt das Tagesticket oder ein Mehrtagesticket das
Gescheiteste, das man sich am besten direkt am Flughafen holt, wenn man nicht am Piazzale Roma (piazzale), der Holzbrücke über den canal grande (accademia) oder an irgendwelchen Kiosken um San Marco Schlange stehen will. Wassertaxis oder Motoscafi kriegt man sowieso nicht unter € 50.- (pro Fahrt).

Linie 1 - nicht nur in Berlin die wichtigste Linie der Stadt.
- Man beginnt mit dem venezianischen Liniensystem am besten am piazzale mit der Linie 1, die etwa alle zehn Minuten Richtung Lido
fährt und fast überall hält. Wenn
man sich auskennt, kann man die Linie
2 nehmen, die nicht überall hält, aber dafür schneller von A nach B
kommt. Außerhalb Venedigs bieten sich die Linien 3, 4 und 5 an
(Kreislinie Venedig-Murano), von der die 4.1 oder 5.1. in die eine, die
4.2 oder 5.2 in die andere Richtung fahren. Will man zur Toteninsel San Michele,
muß man die Linie 3 nehmen, weil nur diese dort hält.
Wenn man weiter weg will, z.B. nach Burano oder Torcello, steigt man an F.mente Nóve oder Murano
in die Linie 12. Das Boot ist größer, fährt schneller und hat sogar ein
Klo! Faustregel: je kleiner die Linienzahl, desto langsamer. Sollte man einen Ausflug zum Lido machen wollen, kann man auch die Busse dort benutzen.
- Von
Venedig aufs Festland fahren alle Busse, die neue Straßenbahn und auch
die Züge. Wer also mal einen Tag Mailand/Milano oder Florenz/Firenze machen will, kann
ab der ferrovia (eiserner Weg = Bahnhof) starten.
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- Kritisches
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- Die ganze Diskussion um den Seelenverkauf der Stadt und das Abkippen in eine Art Disneyland ist von dem Journalisten Thomas Niemietz am 3.1.2018 sehr
kompetent für die ARD recherchiert worden. Leider fand ich den Bericht nicht mehr in den Mediatheken.
- 1. Kreuzfahrer
- Die sind in der Stadt nicht mehr so gerne
gesehen, obwohl die großen Schiffe seit dem 1. August 2022 nicht mehr
durch den Giudecca-Kanal nach San Basilio fahren dürfen. Nun müssen die
Tagestoristen zwar auf kleinere Schiffe umsteigen, aber sie lassen eben
kein Geld in den Restaurants, weil sie ja an Bord exzellent verpflegt
werden. Wenn man nur fünf Stunden in der Stadt ist, schafft man
bestenfalls die Highlights in San Marco - mehr ist dann einfach nicht
drin und Geld verdient die Stadt hier nicht.
- 2. Vaporetti
- Alle
reden von Umweltschutz und Klimawandel. Da
paßt es einfach nicht, daß die Wasserbusse üblicherweise dreißig oder
vierzig Jahre oder noch älter sind und ihre schwarzen Dieselabgase in
die Luft pusten. Es riecht am canal grande schlimmer als am Rhein bei
Köln. Ganz
schlimm wird es bauartbedingt bei den Booten der Linien 3, 4.1, 4.2,
5.1, 5.2 und 6, bei
denen man sich sehr leicht Infektionen im Bootsinneren einfangen kann,
denn diese Boote sind schlecht belüftet, proppenvoll und die meisten
Menschen trugen im Oktober 2022 durchgehend keine Masken. Man hatte also die Wahl zwischen einer Infektion im Bootsinneren oder einer Rußvergiftung am Heck.
- 3. Wohnungen
- Daß viele Venezianer in Mestre wohnen, weil sie
sich eine
kleine Wohnung in Venedig nicht mehr leisten können, ist auch traurige
Realiätät. Zwar hat Airbnb da eine gewisse Mitschuld, doch daß die
Einnahmen der Kreuzfahrtschiffe in Milliardenhöhe nicht in der Stadt
Venedig
landeten, sondern in einem privaten türkischen Unternehmenskonglomerat,
ist leider auch traurige Wahrheit. Ob das nun über einen bestechlicher
Stadtrat oder direkt über Mafia gelaufen ist - die Stadt hat nichts vom
Hafen - außer dem Dieseldreck.
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